Worum geht es eigentlich?

Im Folgenden möchte ich unterschiedliche Erfahrungsstränge miteinander verknüpfen, um zu versuchen, hieraus einige Schlußfolgerungen zu ziehen. Selbstverständlich bitte ich um wohlwollendes Verständnis dafür, daß es um das leidige Thema des Ausbruchs aus der Beschulungsideologie geht: Daran läßt sich prototypisch soviel erkennen und ableiten!

Blick zurück

Mein schulkritisches Engagement ist gewiß älter als eines der ersten Dokumente, die mir in diesem Zusammenhang einfallen: aus dem Jahre 1970! Nun werde ich immer wieder gefragt, erstens ob sich seit damals viel ereignet hat; zweitens ob ich nicht den Eindruck habe, es wäre ein Kampf gegen Windmühlen gewesen, bei welchem es nur Verlierer gebe; und drittens, sollte ich noch Hoffnung auf den Wandel hätte, welche Konsequenzen sich hieraus ergeben. Vorab: Ja, in den letzten Jahrzehnten, besonders in den letzten fünf Jahren, hat sich viel ereignet, grundlegend und – sogar zu meiner eigenen Überraschung! – völlig innovativ und prospektiv. Insofern bietet das schulkritische Engagement, das gewiß nicht nur mich kennzeichnet, Anlaß zur Zuversicht: Allein der Wandel muß nicht unbedingt eine Folge meines Wirkens sein, ganz andere Momente spielen hier eine wichtige Rolle: etwa der Wandel im Selbstverständnis der Menschen, etwa die Definition, die Menschen den zwischengenerationellen Beziehungen geben, etwa die Erfahrungen, die heutige Mütter und Väter damals in der Schule machten und womöglich ihren Töchtern und/oder Söhnen so ersparen wollen… So entdecke ich, drittens, einen konfliktuellen Widerspruch zwischen einerseits der klaren und deutlichen Position einiger der betroffenen Mütter und Väter oder ihrer Töchter und Söhne einerseits; und andererseits einer „betonköpfigen“ Politik, die sich offensichtlich weigert anzuerkennen, daß auch hier der Wandel angesagt ist.

Woher kann der Wandel kommen?

Ich las einen Bericht über die Zulassung eines – von einem der deutschen Chemiegiganten produzierten – Pestizids, dessen Wirkung nachweislich pathogen oder gar tödlich ist; doch die europäischen Zulassungsbehörden haben sich bestimmter „wissenschaftlicher Berichte“ bedient, die von eben diesen Herstellern stammen, um ihre Entscheidung zu begründen; andere wissenschaftliche Gutachten wurde als nicht adäquat ausgeschlossen. Weshalb erzähle ich dies? Weil es verdeutlichen möge, daß politische Entscheidungen stets abhängen von den vorgelegten – und eben den abgelehnten, verworfenen, für ungültig betrachteten – Dokumenten.
Es zeigt mir, daß es wenig Hoffnung gibt, auf politischem Wege den von einigen ersehnten und zweifellos erforderlichen Wandel zu erreichen: in Deutschland scheinen die politischen Gremien, die sich etwa mit Fragen der Bildung auseinandersetzen möchten, mit Vertretern der Schule besetzt zu sein: der Schule oder der Schulbürokratie, aber sicherlich auch der an die Schule gebundenen, diversen „Nebenverdienern“ und der die Schulbeschäftigten vertretenden Gewerkschaftler – nein, von hier ist kein Wandel zu erwarten.
Woher dann? Ich springe ins kalte Wasser: von einem grundlegenden Wandel in der Haltung der betroffenen Menschen. Und aus dieser Haltung heraus, auf die ich zurückkomme, werden die weiteren Schritte abhängen. Da ich hier in Deutschland eine kleine juristische Arbeitsgruppe mitinitiiert habe, kann ich berichten, daß es zwar Anlaß zur Zuversicht gibt, auf just dieser juristischen Ebene im Sinne eines Wandels weiterzukommen; doch der Anstoß wird nicht von der rechtswissenschaftlichen Vernunft und den entsprechenden Argumenten kommen, sondern ganz klar und eindeutig von der jener Vernunft und jenen Argumenten zugrundeliegenden Haltung.

Ist es in Österreich anders?

Mir liegt daran, an dieser Stelle etwas über meine letzte Vortragsreise nach Österreich zu berichten, bei welcher sich vielleicht das Gemeinte verdeutlichen läßt. Im Rahmen meiner Vorträge und Werkstattgespräch begegnete ich einigen Menschen, deren Töchter oder Söhne sich der Schule verweigern. Nun „schielen“ in Deutschland viele derjenigen, die sich dem „absoluten Schulanwesenheitszwang“ entziehen wollen, ins Nachbarland Österreich, wo es diesen Zwang nicht gibt. Wohlan: jene, die sich in der Alpenrepublik den übergriffigen Schulbehörden widersetzen, versuchen mit ähnlichen Argumenten wie ihre deutschen „Leidensgenossen“ einen Wandel über den Weg einer Verfassungsbeschwerde zu erwirken. Und haben bisher eine Abfuhr erteilt bekommen. Weshalb?

In Österreich ist mir erneut deutlich geworden, wie kontraproduktiv es ist, die Schule an sich aushebeln zu wollen, vor allem auf staatsrechtlichem Wege. Denn die Schule ist eine Institution, die wie andere Institutionen den Menschen zum abhängigen Objekt erniedrigt. Wer diese strukturelle Entwürdigung – aus gutem Grunde – ablehnt, sollte, so mein Plädoyer, der Institution Schule nicht die Ehre eines Kampfes erweisen, sondern sich ihr durch eine menschenwürdigende Haltung entziehen. Das Zauberwort, ich wiederhole es, ist hier Haltung.

Das Zauberwort heißt Haltung

Haltung drückt eine Einstellung zum Leben und zum Menschen aus, die getragen ist von Liebe, vom Vertrauen und vom Wissen um die angeborene Kompetenz eines jeden Menschen, von Anfang an. Mit dieser Haltung ist eine institutionelle Bevormundung und Beleidigung unvereinbar. Bisher konnte mir kein Jurist, insbesondere kein Staatsrechtler plausibel darstellen, wie ein freiheitlich-demokratisches Staatswesen, das sich auf unserer Verfassung stützt, seine Gewalt rechtfertigen und die – dem Grundgesetz entsprechende – Haltung für Unrecht und daher undurchführbar abtun könne. Daher frage ich: Wird es gelingen, jene obsoleten Pfeiler einer nicht mehr zu vertretenden und nicht mehr zu „rechtfertigenden“, völlig kontraproduktiven Institution Schule, sprich: die zivilisatorische Beschulungsideologie auszuhebeln?

Unantastbare Würde der Person

Nun, hier in Deutschland wie dort, in der Alpenrepublik, verläuft die Auseinandersetzung ähnlich: trotz unterschiedlicher juristischer Ausgangslage und gesetzlicher Bestimmungen und Normen. Ich muß auch sagen: in vielen Aspekten ähnlich widersinnig! Welche könnte aus meiner Sicht die zentrale Frage sein? Nein, nicht die „freie Bildung“… sondern die in Österreich ebenso wie in Deutschland wesentliche Frage des bedingungslosen Respekts vor der unantastbaren Würde der Person. Bildet dieser Respekt nicht eines der wesentlichen Aspekte meines jahrelangen zivilisationskritischen Engagements?

Anlaß zur Resignation?

Nein, im Gegenteil! Noch vor wenigen Jahren hätten viele Menschen mir gesagt, daß sie mich nicht verstehen und meinen Einsatz nicht nachvollziehen können. Womöglich engagierten sie sich damals für eine Schulreform, für eine „schulische Elterninitiative“, für eine „Schulalternative“? Oder sie kämpften für eine „häusliche Beschulung“? Hingegen finden meine Erläuterungen heute ein oftmals sehr zustimmendes Echo, gekoppelt an die Frage: Was kann ich konkret tut, um diesen Wandel mitzutragen, damit meiner Tochter oder meinem Sohn das unnötige Leid erspart bleibt? Kurz: Immer mehr Menschen, hier, da, dort, setzen sich aktiv ein für den Ausbruch aus der „autobahnmäßigen Sackgasse“ und für eine Rückbesinnung auf das Lebendige, Menschliche, Würdevolle – solche Qualitäten, die ihre Konkretion erfahren im Recht des Menschen, frei sich zu bilden. Dies, so denke ich, mag mit „Haltung“ gemeint sein: eine ethische Kernfrage, die weit über die bloße Schulkritik hinausgeht. Darin sehe ich übrigens auch ihre Chance!
Dies noch: Gemäß Gandhis Aussage „den Feind, den ich bekämpfe, muß ich erst verinnerlicht haben“, lohnt es sich, vom Negierten sich zu lösen: durch ein wahres Engagement für das Positive. Nicht gegen die Schule (dies ist fast zu blöde…), sondern für das Leben, den Menschen, das Frei-sich-Bilden.

Woran der Wandel gebunden ist

Was könnte sich aus der Zusammenführung der zwei Stränge ergeben? Vielleicht die wesentliche Erkenntnis, daß der Wandel, dessen Notwendigkeit und Dringlichkeit inzwischen kaum jemand ernsthaft bezweifeln würde, nicht an einen noch so berechtigten Kampf mit den staatlichen Behörden und Institutionen gebunden sein kann; selbst unsere Verfassung scheint hierfür Makulatur, wenn die höchste Jurisdiktion hier nicht einsieht, daß ein Ausbruch aus dem Obsoleten angesagt ist. Sondern daß der Wandel klar und deutlich an eben diese ethische Haltung gebunden ist: daß diese auch noch verfassungsgemäß ist, dürften nicht ganz unwesentlich sein…
Muß noch betont werden, daß diese ethische Haltung weit über das Schulkritische hinausgeht: im Grunde betrifft sie viele Aspekte und Bereiche des Lebens, des Zusammenlebens, die mit Schulkritik und mit dem Recht, frei sich zu bilden, nichts zu tun haben!
Dies gilt da wie dort, gestern wie heute und morgen. Dazu möchte ich gerne beitragen. Und Sie/Du doch sicherlich auch. In diesem Sinne meine besten Wünsche – und was mich besonders freuen würde: die Fortsetzung eines konstruktiven Dialogs, etwa bei der einen oder anderen Veranstaltung, die auf meinem Internetauftritt www.bertrandstern.de aufgeführt wird.

Bertrand Stern, Siegburg 2015

 

Über meinen Rundbrief, den ich per E-Mail versende, bleiben Sie über meine aktuellen Gedanken zur Situation in Deutschland informiert.

> bertrandstern.de/rundbrief/