Was bedeutet „frei sich bilden“?

Es kann doch nur meinen, daß der Mensch als Subjekt das Recht hat, selbstverständlich frei sich zu bilden: also gelöst von jedweder Normativität, etwa von den Vorurteilen, ein „Kind“ zu sein, das zu einem Ziel geführt werten soll oder müsse. Ziel? Für einige stellt dieses das Abitur dar, für andere ein Diplom, ein „Abschluß“, eine Promotion… für noch andere eine gute Arbeit, die viel Geld bringen soll für Konsum und Erfolg und Prestige… Ein anderes ebenso schreckliches Vorurteil und Mißverständnis bezieht sich auf eine „Bildung“ als eine Ware, die früh als Gut „käuflich“ erworben und sozusagen fürs Leben eingespeichert werden müsse; eine Ware, die in entsprechend steriler „Verpackung“ von einer hierfür lizenzierten Autorität verabreicht wird, auf daß die Empfänger durch ein „Lernen“, welches unterstützt werden soll durch ein „Üben“, bei der sankrosankten Prüfung erfolgreich seien – zumal Scheitern der stigmatisierende Abstieg in die schreckliche Kategorie der Gescheiterten wäre… Ich habe mir erlaubt, dieses düstere Bild der Beschulung erneut zu malen, weil sich mir immer wieder jene Frage stellt, die ich hier thematisieren möchte.

Mit Gewalt zur Schule?

Könnte es den für Deutschland so traurig-rühmlichen Schulanwesenheitszwang, dem junge Menschen unterworfen werden, in dieser Gestalt geben ohne Mütter und Väter, die dafür sorgen, daß ihre Töchter und Söhne sich ihm fügen? Ob sie offene Gewalt anwenden, sanften Druck ausüben oder manipulativ vorgehen, ob sie ausgleichende Maßnahmen erfinden und finden, um ihren Nachwuchs zu „besänftigen“, der ihnen vielleicht verkündet, sich dieser schulischen Gewalt nicht mehr aussetzen und unterwerfen zu wollen; ob sie hierfür psychologischen oder gar psychiatrische Hilfe (in Gestalt von Medikamenten) in Anspruch nehmen oder eine Beratungsstelle aufsuchen: Die unzähligen Ausdrucksformen für den Widerstand, den unsere Töchter und Söhne, unsere Enkelinnen und Enkel subtil oder offen ausüben, sind so vielfältig wie deren Persönlichkeiten – daher kann es auch keine einheitlichen Strategien geben, wie hierauf zu reagieren ist; davon abgesehen, daß auch Behörden und Justiz sehr unterschiedliche Reaktionsmuster zeigen… Meine Fragen sind nun: Was geschähe, wenn betroffene „Erziehungsberechtigte“ den ihnen zugemuteten Druck nicht mehr aushielten; die Gewalt, der ihre Sprößlinge ausgesetzt sind, nicht mehr rechtfertigten; nicht mehr bereit wären, mit dem System zu kooperieren und wider besseres Wissen ihren geliebten Nachwuchs auf dem Altar einer zivilisatorischen Ideologie oder Illusion zu opfern; sondern auszurufen würden: „Gewalt? Ohne mich!“

Respekt vor dem Leben und dem Menschen

Im Zusammenhang mit dem Anlaß dieser Anmerkung möchte ich allerdings zwei Aspekte wiederholend hervorheben: Ich hoffe, daß hiermit deutlich wurde, wiesehr das selbstverständliche Recht, frei sich zu bilden, einer Haltung entspringt, die ich gerne als Respekt vor dem Leben und dem Menschen umschreiben möchte. Und aus dieser Haltung heraus wird klar, daß die Institution Schule nur ein Symptom ist, das durch Kritik und Reformversuch bloß aufgewertet würde: ein völlig kontraproduktives Ansinnen. Zumal durch viele auch derzeitig verlaufende juristische Verfahren sich mir eine andere Frage stellt: Zwar funktioniert dieses System nach bestimmten Gesetzen und Normen, doch wenn es etwa darum geht herauszufinden, wer weshalb welche Gesetze und Normen anwendet und welche Urteile wie „begründet“, stellt sich heraus: weder in Schulbehörden noch in der Politik noch in der Justiz habe ich bisher jemanden getroffen, der aus seinem Gewissen heraus für die bestehenden Zu- oder Mißstände dieser Schulnormativität verantwortlich zeichnen würde; im Zweifelsfalle argumentieren sie mit der gesetzlichen Pflicht oder mit wackeligen und unhaltbaren prognostizistischen Aussagen, die nach „Lesen im Kaffeesatz“ erinnern und nur dadurch „Bestand“ haben, weil es bisher „alle so gemacht haben“… Schlimmer allerdings: Bisher ist mir noch keine Richterin, noch kein Richter begegnet, die/der angesichts des offensichtlichen juristischen Widerspruchs bereit gewesen wäre, selbst initiativ zu werden, um etwa mit einem Normenkontrollverfahren das Bundesverfassungsgericht anzurufen…

Nicht mehr mit struktureller Gewalt reagieren

Dieser von vielen unseren Töchtern und Söhnen als Gewalt empfundenen Normativität wollen und können wir begegnen mit einerseits der oben angeführten Haltung, mit andererseits einer Bereitschaft, Signale der Not, des Leides wahrzunehmen und hierauf nicht mehr mit „struktureller Gewalt“ zu reagieren: einer Gewalt, die sich nicht nur gegen die Betroffenen, sondern auch gegen uns selbst richtet. Wie viele Mütter und Väter habe ich kennengelernt, bei denen der allmorgendliche Kampf um’s frühe Aufstehen, um das Fertigmachen und um den Gang zur Schule jedesmal ein Herzbluten verursacht – vom Leid ihres Nachwuchses ganz abgesehen! Dies noch: Als Gewalt wird nicht nur die offene, sichtbare Auseinandersetzung beschrieben; auch alle Maßnahmen – von Verharmlosen oder Nicht-Ernst-Nehmen über Zukunftsversprechungen oder geistig-seelische Korruption durch besondere Leistungsgeschenke usw. hin zu „therapeutischen Wegen“ oder Nachhilfeunterricht oder schulalternativen Hoffnungen… – müssen in den Katalog der „strukturellen Gewalt“ mit aufgenommen und berücksichtigt werden.

Aufkündigung des zivilen Gehorsams:  Gewalt? Ohne mich!

Gewalt? Ohne mich!“ ist der Name eines  Aufrufs, der sozusagen der vorausgesetzten und stillen Mitwirkung am möglichen – und in Wirklichkeit unmöglichen! – Leid unserer Töchter und Söhne ein Ende setzen will. Aus einer Haltung heraus, die ich mit dem Titel des Buches von Lloyd de Mause „Hört ihr die Kinder weinen?“ beschreiben möchte, „kündigt“ die unmittelbar betroffene Mutter, der unmittelbar betroffene Vater sozusagen ihre/seine Kollaboration mit einem weitgehend widersinnigen, unmenschlichen, obsoleten (Schul-)System und orientiert sich hierbei nicht mehr an der von ihr/ihm erwarteten Gewalt und deren Konsequenzen, nämlich am sichtbaren Leid der Tochter/des Sohnes; sondern orientiert sich an deren/dessen Wirklichkeit als wahres Subjekt.

Der Aufruf „Gewalt? Ohne mich!“ scheint mir ein so bedeutender Schritt der „Aufkündigung des zivilen Gehorsams“ (nach M. Ghandi) und der stillschweigenden Kooperation, zugleich ein Ausdruck einer menschlichen Haltung, ja einer Selbstverständlichkeit zu sein, daß ich mich an dieser Stelle ausführlicher darauf einlassen wollte. Wer zum Aufruf Näheres erfahren möchte oder sich ihm anschließen will, damit hieraus eine große Aktion, gar ein Tsunami wird, rufe bitte die Seite „Gewalt? Ohne mich!“ auf.